Flachgewebe aus dem Taurus
Seit ich Mitte der 70er Jahre den Taurus zum ersten Mal sah, zog
es mich immer wieder in jenes geheimnisvolle und wunderschöne Gebirge
zurück. Seine Bewohner führten ein besonders freies, halbnomadisches
Leben.
Das hat sich bis heute im Herdenauftrieb von den Winterquartieren
(Kisla) zu den Sommerweiden (Yayla) erhalten. Besonders gefielen mir
ihre Textilien, die sie für ihr alltäglichs Leben gebrauchten.
Vor allem die Schmucksäcke (Cuval), die sie in besonderen Webtechniken
erstellten, hatten es mir angetan.
Schon seit frühester Zeit hat der große Gebirgsszug,
der die anatolische Hochebene von Südwesten bis Südosten umfaßt,
den durchreisenden Völkern Zuflucht geboten. Das Gebirge mit seinen
zehntausenden Höhlen (weit mehr als in Kapadokien!) und abgelegenen Tälern
war ein ideales Rückzugsgebiet - sowohl für die Urbevölkerung,
wie für bedrängte Neuankömmlinge. Meist siedeln heute im
Westlichen und Mittleren Taurus Yörükenstämme.
Sie wurden im 10. Jh. n. Chr. von den Mongolen aus ihrer Heimat
vertrieben und ließen sich letztendlich in den gebirgigen Regionen
nördlich der Mittelmeerküste nieder. Im Äußeren
Taurus und den weiter östlich gelegenen Gebirgszügen leben
hauptsächlich Kurden. Sie wurden teilweise dorthin durch den osmanischen
Herrscher "umgesiedelt" oder sind im nordöstlichen Randgebiet sogar
die einzige stammesmäßig erhalten gebliebene "Urbevölkerung"
dieser Region.
Wie überall ist die Kultur der Yörüken und Kurden
seit Jahrhunderten einem sich immer mehr beschleunigenden Zerfallsprozeß
ausgesetzt. In den 30 Jahren, in denen ich den Taurus bereiste, begegneten
mir z. B. in den späten 70er Jahren, ja sogar noch 1986 im Mittleren
Taurus kleine (traditionelle) Kamelkarwanen, die zur Yayla zogen. Seit damals
habe ich nur noch die vielen LKW gesehen, die die Schaf- und Ziegenherden
samt dem Haushalt der ganzen Großfamilie in die oft weit entfernten
Sommerweidegebiete brachten. Gewaltige Umwälzungen zerstörten
auch die traditionelle stammesbezogene Textilkunst endgültig.
Durch Straßenbau, Trockenlegung der Sümpfe an der Küste
und in den Tälern, durch Überweidung der immer kleiner werdenden
Flächen, Zerstörung der Natur (z. B. Abholzung der Wälder
bis in die 30er Jahre dieses Jahrhunderts), ist die Tradition heute so zerstört,
das uns nur wenige erhaltene Fotos und alte Flachgewebe noch die Schönheit
des alten Tauruslebens erahnen lassen.